27. Januar 2016 Gedenktag an alle Opfer des Nationalsozialismus

 

Citykirche InnenraumAm 27. Januar 1945 wurde das KZ Auschwitz‐Birkenau befreit. Im Jahr 2005 erklärte die Generalversammlung der Vereinten Nationen den 27. Januar zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust. In Deutschland wird bereits seit 1996 an diesem Tag der Opfer des Nationalsozialismus gedacht.

In diesem Jahr gestalteten die Bündnismitglieder Arbeitskreis Asyl der Hauptpfarre (Rede Alex Micha), Flüchtlingsrat Mönchengladbach e.V. (Dr. Jürgen Wintgens), Gesellschaft für Christlich‐Jüdische Zusammenarbeit MG e.V. (Rede Rolf Hock), Theo‐Hespers‐Stiftung e.V. (Rede Ferdinand Hoeren) und Jürgen Löscher (Dozent für Klarinette und Saxophon an der Kreismusikschule in Viersen), Dietrich und Dirk Hespers (Gitarre/Gesang) die Gedenkstunde in der Citykirche am Alter Markt

Uwe ReindorfJürgen LöscherUwe Reindorf (Citykirche) begrüßte die rund 80 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, unter denen auch Oberbürgermeister Hans Wilhelm Reiners weilte.

Nachbericht RP-Online > http://www.rp-online.de

 

 


Redebeitrag von Fedinand Hoeren (Theo-Hespers-Stiftung e.V.) zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus

Bundespräsident Roman Herzog hat den 27. Januar zum Tag des Gedenkens an alle Opfer des Nationalsozialismus erklärt, um – wie er geschrieben hat - „eine Form des Erinnerns zu finden, die in die Zukunft wirkt und jeder Form der Wiederholung entgegenwirkt“.

Wir gedenken hier und heute der 6 Millionen, die ermordet worden sind, lediglich weil sie Juden waren, und ebenfalls der vielen Millionen anderer unschuldiger Opfer. Wir trauern über das unsägliche Leid der Opfer.  Wir sind entsetzt  und erschrocken über die grauenvolle Bestialität, zu der Menschen fähig sind.

Wie konnte es dazu kommen.

Ferdianand HoerenDie deutschen Wählerinnen und Wähler  wählten bei der Reichstagswahl 1932 die Nationalsozialisten zur stärksten Fraktion im Reichstag. Im Januar 1933 ernannte Reichspräsident von Hindenburg Adolf Hitler zum Reichskanzel.

Schon wenige Tage danach leitete Hitler seinen Weg zur absoluten Machtergreifung ein, indem er damit begann, seine politischen Gegner auszuschalten und einzusperren: Zuerst die Kommunisten.

Nach dem Ermächtigungsgesetz im April 1933, das praktisch alle demokratischen Gesetze außer Kraft stellte, waren auch die Sozialdemokraten vogelfrei.

Von Mai bis Juni 1933 schaffte es die NSDAP, die Gleichschaltung der gesamten Bevölkerung einzuleiten. Die Gewerkschaften wurden aufgelöst, die Presse wurde unter Kontrolle gesetzt, alle Bücher unliebsamer Schriftsteller wurden öffentlich verbrannt und die Kunstwerke moderner Künstler wurden als „Entartete Kunst“ beschlagnahmt.

Trotz Abschluss des Reichskonkordates im Juni 1933 wurden sowohl die evangelische als auch die katholische Kirche bespitzelt und in ihrer Arbeit zunehmend eingeengt.

Nach einem knappen Halbjahr hatte der Weg in die Barbarei begonnen.

Hitler hatte während seiner Haftstrafe 1923/24 seine Weltanschauung und seine Ziele in seinem Buch „Mein Kampf“ für alle offen gelegt. Im Mittelpunkt steht seine „Rassenlehre“. Danach gäbe es höherwertige und minderwertige Rassen. Nur die „arische „ Rasse hätte in der Geschichte die großen Leistungen erbracht. Der Kern dieser „arischen“ Rasse seien die Germanen, aus denen als Kernvolk die Deutschen hervorgegangen wären. Aus dieser Gleichstellung „arisch-germanisch-deutsch“ leitete Hitler einen Anspruch der Deutschen auf eine Führungsrolle in der Welt ab.

Diesen Rassenwahn haben die Nationalsozialisten ab der zweiten Hälfte 1933 Schritt für Schritt konsequent umgesetzt. Schließlich führte er 1939 zum Überfall auf Polen und damit zum Ausbruch des 2. Weltkrieges mit all seinen Zerstörungen und seinem Elend und seinen millionenfachen Morden.

Hitler und seine Nazis hatten ein ganzes Volk in den kollektiven Wahnsinn geführt.

Auch in unserer Stadt haben wir weit über 1 400 Opfer des Naziterrors zu beklagen. Mehr als 600 waren deutsche Juden, über 500 waren Euthanasieopfer und über 200 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter. Die Zahl der Sinti- und Romaopfer aus unserer Stadt sind nicht bekannt.

Als Opfer bekannt sind jedoch 10 katholische Priester, Nonnen und Mönche und 15 Opfer der evangelischen Bekennenden Kirche sowie 10 Deutsche aus politischen Gründen; der bekannteste ist Theo Hespers.

Es wurden also 39 wegen ihrer religiösen oder weltanschaulichen oder politischen Überzeugung ermordet alle, anderen rund 1 400 Ermordeten aus rein rassistischen Gründen.

Nach Beendigung des 2. Weltkrieges haben sich die Vereinten Nationen gegründet und 1948 in der Una Charta die Allgemeinen Menschenrechte erklärt und damit einen Grundstein für eine bessere Welt gelegt. Ein Jahr später hat in Westdeutschland der Parlamentarische Rat 1949 das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland verabschiedet.

Ein leuchtendes Beispiel für einen Neubeginn von Gesellschaft und Staat.

Theo Hespers hatte 1938 in seiner Widerstandszeitschrift unter der Überschrift „So wollen wir Deutschland“  geschrieben:

„Die Erneuerung der Lebensverhältnisse ist aber nur dann praktisch durchführbar, wenn ihr eine neue Gesinnung zu Grunde liegt.“

Theos  Gedanken zu einer neuen Gesinnung sind in unserem Grundgesetz verankert.

Leider müssen wir jedoch seit den 90er Jahren erleben, dass in Deutschland immer wieder unschuldige Menschen aus rassistischen oder religiösen oder menschenverachtenden Gründen verleumdet, bedroht, angegriffen und sogar ermordet worden sind.

Und die Verunsicherung großer Teile unserer Bevölkerung wächst einerseits durch Terroranschläge und andererseits durch die bisher noch nicht gelösten Probleme infolge der rund  1 Million Flüchtlinge.

Diese Unsicherheit wird verstärkt von denjenigen, die schon immer eine andere Republik wollten, indem sie Hass schüren, um daraus Nutzen für ihre Ziele zu ziehen.

Den tieferen Ursachen – warum Menschen fliehen – nämlich den Stellvertreter-Kriegen in den muslimischen Ländern und der bittersten Armut von Menschen in vielen Teilen der Welt steht die internationale Politik bisher ohne ein geschlossenes und überzeugendes Konzept gegenüber, jedoch leider oft mit scheinheiligen Erklärungen.

Derweil tönen die Rechtsradikalen und Rechtsextremisten aller Couleur immer lauter und dreister mit ihren menschenverachtenden Parolen.  Dabei bieten sie ihre einfachen Lösungen wohlfeil an, die jedoch alle die Probleme verschärfen würden. Dabei schrecken sie selbst nicht vor offensichtlichen Lügen zurück. Und sie mischen sich immer mehr unter die verunsicherten Bürgerinnen und Bürger.

Sie instrumentalisieren Pegida für ihre Ziele und übernehmen sie damit. Und wenn sie dann zum Beispiel „Lügenpresse“ schreien, zeigen sie ihr nationalsozialistisches Gesicht, denn „Lügenpresse“ war ein Kampfruf der Nazis in den 30er Jahren.

Ja, unsere momentane gesellschaftpolitische Situation ist schwierig, aber sie ist lösbar und zwar mit menschenwürdigen  Mitteln und auf menschenachtende Art.

Ich erinnere an den vorhin zitierten Ausspruch von Theo Hespers bezüglich der Erneuerung der Lebensverhältnisse; er gilt auch für die Verbesserung der Lebensverhältnisse. Ja, wir können die Probleme lösen, wenn wir dem Geist unseres Grundgesetzes treu bleiben und entschlossen danach handeln, denn das – und genau das - sind wir den Opfern des Nationalsozialismus schuldig.   

 

Redebeitrag von Alex Mischa (Arbeitskreis Asyl der Hauptpfarre) zum Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus und aktuellen Flüchlingssituation in Deutschland und Europa

Alex MichaLiebe Damen und Herren,

erlauben Sie mir bitte, bevor ich mich meinem Thema, der "aktuellen Flüchtlingspolitik in Deutschland und Europa", zuwende, einige Worte der Erinnerung an zwei Freunde, die Ende des vorigen Jahres mitten aus ihrem rastlosen Einsatz nicht nur für die Flüchtlinge, sondern für alle zu kurz gekommenen, an den Rand gedrängten und gedemütigten Menschen in dieser Stadt herausgerissen wurden: Stephan Lingnau und Edmund Erlemann.

Der eine, Stephan Lingnau, war in unserem Arbeitskreis Asyl die entscheidende Ansprechperson für zahlreiche Hilfesuchende, die mit den schwierigen Lebensumständen einer ihnen fremden Umgebung, mit den verschlungenen Wegen des deutschen Asylrechts und den schwer verständlichen Entscheidungen einer distanziert-kalten Verwaltungspraxis nicht zurechtkamen und für ihre alltäglichen Sorgen Rat und Hilfe suchten. Da bewies Stephan Lingnau seine Sachkompetenz im Sozial- und Ausländerrecht, seine Verfahrenssicherheit im Umgang mit Ämtern und Gerichten, vor allem aber seine Empathie mit der Not der Bedrängten und seine entschiedene Bereitschaft zu helfen, wo Hilfe nötig und möglich schien. Es sind nicht wenige Menschen, die Stephan ein dauerhaftes Bleiberecht oder zumindest eine erträgliche Lebensperspektive in diesem Land und dieser Stadt zu verdanken haben.

Oder den anderen, Eddi Erlemann, brauche ich hier nicht viel zu sagen, oft genug hat er bei feierlichen Anlässen wie diesem, aber auch bei öffentlichen Aktionen des Bündnisses 'Aufstehen!" gegen Naziumtriebe auf der Straße oder vor Flüchtlingsunterkünften gesagt, was zu sagen war. Ich denke an seine Worte bei der Mahnwache vom 16.03.2013 gegen die Pro NRW-Pöbeleien vor der Flüchtlingsunterkunft Luisenthal, als er - wie eben Ferdi Hoeren - an die Greuel der Faschisten in der Todesfabrik Auschwitz-Birkenau erinnerte, denen 1 Mill. Juden und Hunderttausende Sinti und Roma zum Opfer fielen. Aber er erinnerte auch an unser großartiges Grundgesetz von 1949, das die "unantastbare Menschenwürde" zur Richtschnur allen staatlichen Handelns erklärte und mit dem Recht auf Asyl, wie der Schriftsteller Christoph Hein formulierte, ein "Mahn- und Denkmal gegen Hass und Völkermord schuf, "um das uns die Welt beneidete". Was ist von diesem Mahnmal übrig geblieben? fragte Eddi mit Blick auf die Grundgesetzänderung von 1993, die das Recht auf Asyl auf eine damals schon lauthals geforderte "Obergrenze" und auf die wirtschaftlichen Interessen des Landes zurückschnitt? Seit damals erschüttert eine Welle der Gewalt unser Land, von Hoyerswerda über Solingen und Mölln bis zu den Morden des NSU und den Brandanschlägen unserer Tage und zieht, von deutschen Sicherheitsbehörden weitgehend ungestört, eine Blutspur durch das Land. Im vergangenen Jahr hat das Bundesinnenministerium 850 Gewalttaten mit fremdenfeindlichern Hintergrund gezählt, viermal so viele wie im Jahr davor.

Was würden Stephan und Eddi heute sagen? habe ich mich bei der Vorbereitung dieses Redebeitrags gefragt. Vor allem hätten sie auf das grundsätzliche Missverständnis verwiesen, bei Einwanderung und Flucht handele es sich um eine Ausnahmesituation, bei der eine Mehrheitsgesellschaft - unabhängig von ihrer Willkommensbereitschaft - auf eine segregierte Zuwanderergruppe stoße, die sich - unabhängig von ihrer Größe - als "dazu gekommen", am Rande stehend, "marginalisiert" zu verstehen habe. Bei diesem Missverständnis liegt es nahe, von "Krisensituationen" zu sprechen, sich gegen die "Krise" zu wappnen und Abwehrmechanismen zu organisieren. Das Gegenteil ist aber richtig: Migration ist keine einmalige "Krise", sondern eine dauerhafte Erscheinung, die sich in einer globalisierten Welt durch alle Gesellschaften zieht oder, wie die Migrationsforscherin Manuela Bojadzijev formuliert, ein "Passepartout", ein "durchgehendes" Merkmal moderner Gesellschaften im wörtlichen Sinn. Wir treffen auf dieses Phänomen überall auf der Erde, wo Kriege, Hungersnot und andere Katastrophen die Menschen bewegen, um ihr nacktes Leben zu retten, die Heimat zu verlassen und dorthin zu ziehen, wo ihnen ein einigermaßen erträgliches, friedliches, vom täglichen Überlebenskampf entlastetes Leben möglich scheint. Ich frage uns alle: Wer von uns würde nicht aus einem Bürgerkriegsland wir Syrien, in dem seit Ausbruch des Krieges mehr als 250.000 Menschen, allein im Vorjahr 21.000 Zivilisten, darunter 2.500 Kinder, ihr Leben lassen mussten, vor Bombenterror, Vertreibung und Misshandlung fliehen? Das gilt für alle Krisenherde dieser Welt, ob im nahen oder Ferneren Osten (Syrien, Irak, Afghanistan, Jemen ...) in Afrika (Eritrea, Somalia, Südsudan, Mali, Burkina-Faso ...) in Süd- und Mittelamerika oder Ostasien: Millionen und Abermillionen machen sich Tag um Tag auf den verzweifelten Weg - über Minenfelder, Meere und Grenzzäune hinweg, um ihr Leben und das ihrer Familien zu retten.

Die "Lösungen" der falsch verstandenen "Krise", wie sie sich die europäische und deutsche Asylpolitik ausdenken, sind nichts anderes als Ergebnisse einer Vogel-Strauß-Politik: Kopf in den Sand, ohne uns oder an uns vorbei, Grenzzäune, Frontex-Einsätze im Mittelmeer, Push-back-Operationen in der Ägäis, Auslagerung der Probleme, d.h. doch der Menschen, in Auffanglager am Rande Europas, die man mit selten-offenem Sarkasmus "Hotspots" nennt, kostenträchtige Vereinbarungen mit windigen Regierungen, damals mit Gaddafi, heute mit den nicht minder fragwürdigen Vertretern eines "failed states" in Libyen, mit dem neuen türkischen Sultan Erdogan, der mit der Bombardierung Kurdischer Orte und Unterdrückung der kurdischen Minderheit seinerseits Fluchtursachen schafft. Der Fantasie in diesem ebenso abstoßenden wie hilflosen Abschreckungsszenario sind keine Grenzen gesetzt, auch nicht in Deutschland: Nachdem sich die Dublin-Regelungen, mit denen sich die Mitte Europas auf Kosten der südlichen Erstaufnahmeländer wie Griechenland und Italien die Zuwanderungsprobleme vorn Hals schafften, vor dem unaufhaltsamen Migrationsschub als unwirksam erwiesen, verfiel die deutsche Flüchtlingspolitik auf den Trick der sogenannten "sicheren Herkunftsländer" und definierte die Balkanstaaten Serbien, Mazedonien, Bosnien-Herzegowina und Albanien, Länder, in denen die Rechte von Minderheiten, vor allem der Sinti und Roma, mit Füßen getreten werden, kurzerhand zu Oasen der Rechtsstaatlichkeit und des friedlichen Zusammenlebens. Die ganze Verlogenheit dieser Auslagerungsstrategie belegen neuerliche Vorstöße, das "Qualitätssiegel" der "sicheren Herkunftsländer"auch nordafrikanischen Staaten wie Algerien und Marokko zuzusprechen, wo Flüchtlinge aus den Subsaharaländern wie Freiwild behandelt, ausgeplündert und weit von menschlichen Ansiedlungen entfernt in die Wüste verfrachtet und dort ihrem Schicksal überlassen werden.

Die unselige Trennung in "gute" und "schlechte", Bürgerkriegs- und "Wirtschaftsflüchtlinge" spielt die Hintergrundmusik zu der erneut forcierten Abschiebungspraxis, die einigen, wie dem CDU-Generalsekretär Tauber, nicht weit und schnell genug geht: "Wir brauchen 1.000 Abschiebungen täglich", fordert er in einem RP-Interview vom 13. Januar, als ob es um die Einhaltung von Produktionsziffern ginge, und mahnt: "Hier müssen NRW und Rheinland-Pfalz deutlich nachlegen." Und wenn das alles nicht reicht, müssen eben die "Anreize" geschliffen werden, etwa eine menschenwürdige Unterbringung oder die Aussichten auf zügige Arbeitsaufnahme oder Möglichkeiten des Familiennachzugs, der für die sogenannten "subsidiären Schutzberechtigten" (auch dies eine definitorische Glanzleistung!), z.B. aus dem Irak oder Afghanistan, für zwei Jahre ausgesetzt wird, oder schließlich die Unterstützungsleistungen zum Lebensunterhalt nach dem Asylbewerberleistungsgesetz, die sich in entmündigende und demütigende Sachleistungen umwandeln oder - den jüngsten Vorschlägen des Bundesfinanzministers zufolge - deutlich in Richtung Hungerlohn absenken lassen.

Das alles, so schäbig es auch ist, verfolgt nur den einen Zweck, den Flüchtenden den hiesigen Aufenthalt "unattraktiv',' d.h. so unerträglich zu machen, dass sie "freiwillig" das Land verlassen. Aber es wird nicht greifen, um sich den Herausforderungen des "Passepartout" zu entziehen und auf einer "Insel der Seligen" einzumauern.

Aber dieser Passepartout hat noch eine zweite Funktion: Er wirkt wie ein Schlüssel zum Verständnis der inneren Verfasstheit einer Gesellschaft, wie ein Seismograph ihres zivilisatorischen Selbstverständnisses. Die Migration zwingt die Gesellschaften Europas, Farbe zu bekennen in der Frage, ob sie die Probleme der Gegenwart in gemeinsamer und solidarischer Anstrengung zusammen mit den Zugewanderten lösen oder in überlebte nationalstaatliche oder nationalistische Muster der Abgrenzung und Isolation zurückfallen wollen: Ungarn ist so ein Beispiel für den rückwärts gewandten Versuch, sich aus der gesamteuropäischen Verantwortung für ein zivilisiertes und humanes Zusammenleben herauszustellen; Polen ist auf dem besten, nein, schlechtesten Weg, die europäischen Werte zusammen mit den demokratischen Errungenschaften funktionierender Gewaltenteilung und der Pressefreiheit über Bord zu werfen; ringsum in Europa, in den Niederlanden, in Frankreich, in Dänemark und auch bei uns ist der Chauvinismus bedrohlich auf dem Vormarsch und erhält durch leichtfertige oder bösartige populistische Politikersprüche und die Brandbeschleuniger in den "sozialen" Medien Schützenhilfe und scheinbare Legitimität.

Europa bietet in der Frage der Verteilungsprozedur von Flüchtlingsquoten gerade ein erbärmliches, beschämendes Bild, das die Frage aufwirft, ob die Verleihung des Friedensnobelpreises für seine Verdienste um die Menschenrechte und den Frieden nicht zu Unrecht oder zumindest zu früh erfolgte.

Um zum Ausgangspunkt meiner Überlegungen zurückzukommen: Menschen wie Eddi und Stephan, die sich um eine Wahrung der "unantastbaren Menschenwürde", um die Überwindung der angstbesetzten Spaltung in Hiesige und "Fremde", um eine humanere Form des Zusammenlebens, um ein respektvolles Miteinander und die Bereitschaft zu schwierigen, gelegentlich auch verstörenden und konfliktreichen wechselseitigen Lernprozessen bemühen, werden von den Schreihälsen auf Pegida—Niveau gern als naive "Gutmenschen" verunglimpft. Nachdem dieser rechte Kampfbegriff es nun mal zum Unwort des Jahres 2015 geschafft hat, nehme ich mir die Freiheit, allen Pegidisten, Mögidisten und sonstigen Hasspropagandisten, die nationalistische Hetzparolen mit Argumenten verwechseln, aus tiefster Seele zu sagen: "Ich bin stolz, ein Gutmensch zu sein."


Redebeitrag von Rolf Hock (Gesellschaft für Christlich-Jüdische-Zusammenarbeit e.V.)) - Unsere Verantwortung

Rolf HockWir haben die Beschreibung der Not der Flüchtlinge gehört. Was hat dies mit unserem heutigen Holocaust-Gedenktag zu tun?

2005 begann die Zeit der 3ten Nachkriegsgeneration. Ich gehöre zur 1ten Nachkriegsgeneration und habe in der Schule gelernt, dass ich nicht persönlich schuldig, aber vor der Geschichte verantwortlich bin, ob ich aus diesem Schandfleck unserer Geschichte positive Lehren gezogen habe, um mich den aktuellen politischen und gesellschaftlichen Herausforderungen besser zu stellen.

In seiner Rede zur Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels berichtet Navid Kermani von Pater Jaques und Pater Paolo aus Qaryatein in Syrien. Sie halfen in diesem kleinen Örtchen allen Menschen ohne Unterscheidung bzgl. ihrer Religion. Die Christen waren in diesem Ort in der Minderheit, so dass sie auch viel Besuch von Muslimen bekamen. Deshalb hatten sie für die Muslime einen eigenen Raum in der Klosterkirche zum Beten eingerichtet. Es gelang ihnen, dass die gegnerischen Gruppen sich darauf einigten alle schweren Waffen aus diesem Ort zu verbannen. Eine Insel des gegenseitigen Respekts in diesem durch Bürgerkrieg gezeichneten Land. Aber beide Patres wurden vom IS entführt. Ja, später wurde der ganze Ort vom IS eingenommen und alle 200 Christen verschleppt.

Kermani begründet die Entstehung der radikalen Ideologien von IS und Alqaida mit dem Zusammenbruch der Kultur des Islams durch den Kolonialismus der westlichen Völker. Die östlichen Völker erlebten dies als Konfrontation mit einer Kultur, die offensichtlich mächtiger, erfolgreicher war als ihre eigene. Um sich selber nicht aufzugeben, ging man an die Wurzeln der eigenen Kultur zurück und stilisierte sie als Gegenmacht. So entstand ein religiöser Faschismus, ähnlich wie Deutschland nach dem Zusammenbruch des 1ten Weltkriegs sein Heil im nationalen Faschismus suchte.

Aber der Faschismus verrät durch seine Radikalität gerade die Werte, für die er vorgibt einzutreten.

In unserer Antwort auf die Herausforderung der Flut der Flüchtlinge müssen auch wir aufpassen, dass wir unsere Werte nicht verraten. Stammtisch Parolen, die auf Abschottung und Ausgrenzung setzen, wie sie leider auch Politiker vertreten, widersprechen unserem Selbstverständnis als offener und Dialog orientierter Gesellschaft.

Es ist sicherlich erforderlich, dass wir für die anstehende Aufgaben auch institutionelle Rahmenbedingungen schaffen müssen. Vielleicht müssen auch einzelne Gesetze und Bestimmungen der geänderten Situation angepasst werden. Aber dabei ist dann wichtig, kritisch zu überprüfen, welche Freiheitseinschränkungen wir dem Staat zugestehen. Als Lehre aus unserer Geschichte müssen wir beherzigen, dass Hitler ganz legal an die Macht kam und auch die Ausgrenzung der Juden durch Gesetz und Verordnungen im Detail regelte, so dass ein Adolf Eichmann sich im Prozess darauf zurückziehen konnte er habe nur seinem Amtseid entsprechend gehandelt.

Die in unserem politischen System verankerte Freiheit ist ein hohes Gut, um das uns viele Staaten beneiden. Aber Freiheit muss auch positiv gestaltet werden und das erfordert Anstrengung und Engagement. Gruppen, die auf die da Oben schimpfen und lamentieren, dass die alles falsch machen, aber sich selber nicht engagieren, bleiben in einer kindlichen Anspruchshaltung. So gesehen ist die Pegida- Bewegung ein Fortschritt gegenüber dem dumpfen Gemaule im Untergrund. Wichtig wäre nun, sie zu einem politischen Dialog herauszufordern, wie Minister Gabriel es versuchte. Die Angst, sie dadurch aufzuwerten, kann nur durch das Vertrauen auf die besseren Argumente bewältigt werden.

Damit diese Auseinandersetzung auch fruchtbar geführt werden kann, brauchen wir eine kritische Öffentlichkeit, die nicht von hysterischen Showveranstaltungen, sondern differenzierenden Argumenten geprägt ist. Wir müssen lernen, kritisch darauf zu achten, ob die Redner, Politiker sich konstruktiv um Lösungen bemühen oder mehr auf die öffentliche Selbstdarstellung achten. Hier sind auch die Medienvertreter gefordert, dies kritisch aufzuzeigen und nicht nur ängstlich auf die politische Korrektness zu achten. Hierzu bedarf es des Muts, für die eigene Überzeugung einzustehen und hierfür evtl. kritisiert zu werden.

Als Antwort auf die Ereignisse in Köln formieren sich jetzt „Bürgerwehren“. Dabei machen diese doch nur öffentlich, was sich in unserer Gesellschaft falsch entwickelt hat. Das Problem, dass bestimmte Gruppen das Gewaltmonopol des Staates nicht mehr ernst nehmen, betrifft nicht nur die Nordafrikaner auf dem Domplatz. Deutsche Hooligans gibt es genauso und für die Ausschreitungen bei Fußballspielen gibt es seit Jahren Programme und Bemühungen zur Prävention. Dass Kriminelle über die von deutschen Gerichten verhängten Strafen lachen, wie der Vorsitzende der NRW-Gewerkschaft der Polizei in der ARD-Sendung schilderte, ist ein Armutszeugnis für unsere Gerichte. Es darf nicht sein, dass es in Deutschland No-Go-Areas gibt, dass es rechtsfreie Räume gibt, in denen Subkulturen ihre eigenen Gesetze mit Gewalt durchsetzen. Das dürfte nicht sein, aber es ist wichtig, die Ereignisse von Köln als Weckruf für dieses ungelöste Problem zu verstehen.

Die Ereignisse der letzten Zeit machen deutlich, wie brüchig unsere Zivilisation ist. Sie stellen uns vor eine entscheidende Aufgabe für ein gutes Fortbestehen unserer Gesellschaft. Gibt es Hoffnung? Der eingangs erwähnte Pater Jaques wurde von Muslimen aus den Händen des IS befreit. Der Dialog und Begegnung über Konfessionen und Kulturen hinweg hat hier der Bedrohung durch die brutale Gewalt stand gehalten und Früchte getragen. Wobei nicht verschwiegen werden soll, dass sich Pater Paolo und die 200 Christen immer noch in den Händen des IS befinden.

Liedvortrag: Dirk Hespers, begleitet von Jürgen Löscher

 

Dirk Hespers und Jürgen Löscher- ES IST AN DER ZEIT -
Die Melodie stammt von dem Amerikaner E. Bogle, der Text von Hannes Wader aus dem Jahr 1980.
***
Weit in der Champagne im Mittsommergrün
dort wo zwischen Grabkreuzen Mohnblumen blüh‘n,
da flüstern die Gräser und wiegen sich leicht
im Wind, der sanft über das Gräberfeld streicht.
Auf deinem Kreuz finde ich toter Soldat,
Deinen Namen nicht, nur Ziffern und jemand hat
die Zahl neunzehnhundertundsechzehn gemalt,
und du warst nicht einmal neunzehn Jahre alt.


Refrain
Ja, auch Dich haben sie schon genauso belogen
so wie sie es mit uns heute immer noch tun,
und du hast ihnen alles gegeben:
Deine Kraft, Deine Jugend, Dein Leben.
Hast du, toter Soldat, mal ein Mädchen geliebt?
Sicher nicht, denn nur dort, wo es Frieden gibt,
können Zärtlichkeit und Vertrauen gedei‘n,
warst Soldat, um zu sterben, nicht um jung zu sein.
Vielleicht dachtest du Dir, ich falle schon bald,
nehme mir mein Vergnügen, wie es kommt,
mit Gewalt.
Dazu warst du entschlossen, hast dich aber dann
vor dir selber geschämt und es doch nie getan.


Refrain


Soldat, gingst du gläubig und gern in den Tod?
Oder hast zu verzweifelt, verbittert, verroht,
Deinen wirklichen Feind nicht erkannt bis zum Schluß?
Ich hoffe, es traf dich ein sauberer Schuß?
Oder hat ein Geschoß Dir die Glieder zerfetzt,
hast du nach deiner Mutter geschrien bis zuletzt,
bist Du auf Deinen Beinstümpfen weitergerannt,
und dein Grab, birgt es mehr als ein Bein,
eine Hand?


Refrain


Es blieb nur das Kreuz als die einzige Spur
von deinem Leben, doch hör‘ meinen Schwur,
für den Frieden zu kämpfen und wachsam zu sein:
Fällt die Menschheit noch einmal auf Lügen herein,dann kann es gescheh‘n,
daß bald niemand mehr lebt,
niemand, der die Milliarden von Toten begräbt.
Doch finden sich mehr und mehr Menschen bereit,
diesen Krieg zu verhindern, es ist an der Zeit.


Refrain
Ja, auch Dich haben sie schon genauso belogen
so wie sie es mit uns heute immer noch tun,
und du hast ihnen alles gegeben:
Deine Kraft, Deine Jugend, Dein Leben.
***

Liedvortrag: Dietrich und Dirk Hespers (Liedtext: Moorsoldaten)Dirk und Dirk Hespers

Text: Johann Esser, Wolfgang Langhoff (1933) Musik: Rudi Goguel (1933)

 

Wohin auch das Auge blicket, 
Moor und Heide nur ringsum. 
Vogelsang uns nicht erquicket, 
Eichen stehen kahl und krumm. 
Wir sind die Moorsoldaten  
und ziehen mit dem Spaten  
ins Moor. 

Hier in dieser öden Heide 
ist das Lager aufgebaut, 
wo wir fern von jeder Freude 
hinter Stacheldraht verstaut. 
Wir sind die Moorsoldaten  
und ziehen mit dem Spaten  
ins Moor. 

Morgens ziehen die Kolonnen 
in das Moor zur Arbeit hin. 
Graben bei dem Brand der Sonne, 
doch zur Heimat steht der Sinn. 
Wir sind die Moorsoldaten  
und ziehen mit dem Spaten  
ins Moor.

 

Heimwärts, heimwärts jeder sehnet, 
zu den Eltern, Weib und Kind. 
Manche Brust ein Seufzer dehnet, 
weil wir hier gefangen sind. 
Wir sind die Moorsoldaten  
und ziehen mit dem Spaten  
ins Moor. 

Auf und nieder gehn die Posten, 
keiner, keiner kann hindurch. 
Flucht wird nur das Leben kosten, 
Vierfach ist umzäunt die Burg. 
Wir sind die Moorsoldaten  
und ziehen mit dem Spaten  
ins Moor. 

Doch für uns gibt es kein Klagen, 
ewig kann's nicht Winter sein. 
Einmal werden froh wir sagen: 
Heimat, du bist wieder mein. 
Dann ziehn die Moorsoldaten  
nicht mehr mit dem Spaten  
ins Moor!

Wir werden unterstützt von!