27. Januar 2017 | Gedenkstunde am „Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“

Christuskirche innen KreuzDas Mönchengladbacher Bündnis: "Aufstehen! – Für Menschenwürde – Gegen Rechtsextremismus" und das "Gladbacher Haus der Erinnerung e.V. luden am Freitag, 27. Januar 2017 um 18:30 Uhr (Beginn: 18:30 Uhr) in die Christuskirche am Kapuzinerplatz ein.

Das Thema der diesjährigen Gedenkstunde lautet:

„ Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch!“

Dies ist der letzte Satz aus dem Theaterstück „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“, das Bertold Brecht nach seiner Flucht vor den Nationalsozialisten im Jahr 1941 im finnischen Exil als Gleichnis zur Hitlerdiktatur geschrieben hat.

Epilog

„Ihr aber lernet, wie man sieht statt stiert Und handelt, statt zu reden noch und noch. So was hätt einmal fast die Welt regiert! Die Völker wurden seiner Herr, jedoch Daß keiner uns zu früh da triumphiert – Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch!“

LscherDen musikalischen Rahmen gestaltete Jürgen Löscher an der Klarinette.

Titel „Erinnern gegen Vergessen“

Titel „Mahnung für Demokratie“

Ausklang

BeuchelPfarrerin Annette Beuchel begrüßte die gut 50 Teilnehmerinnen und Teilnehmer. (Ansprache folgt)

Ansprache Probst Dr. Peter Blättler

"Erinnern gegen Vergessen"

Propst Dr. Peter BlättlerSehr geehrte Damen und Herren, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer!

Am 27. Januar 1945 - vor 72 Jahren - war die Befreiung der letzten Überlebenden im Konzentrationslager Auschwitz. Auschwitz steht für den millionenfachen Mord - vor allem an Juden, aber auch an anderen Volksgruppen. Heute ist ein Tag des Gedenkens an alle Opfer des Nationalsozialismus. Wir erinnern uns hier in unserer Stadt besonders an die Opfer aus Mönchengladbach.

Im Bundestag standen heute besonders die Euthanasieopfer im Mittelpunkt des Gedenkens. Es ging um die Vernichtung von so genanntem - nach Nazidefinition - „unwertem Leben“: Betroffene waren geistig, körperlich oder sozial Behinderte, hauptsächlich Kinder und Jugendliche, auch aus Deutschland. Diese Vernichtung wurde von den Nazis erledigt wie eine politische Vision zur "Erneuerung und Gesundung" des deutschen Volkes und war in Wirklichkeit nichts anderes als ein widerliches Verbrechen und das Ergebnis einer niederträchtigen, bösartigen und menschenverachtenden Ideologie.

Wie fühlt sich der Tag des Gedenkens heute im Jahr 2017 an? In den vergangenen Jahren hat man sich oft Gedanken gemacht, wie dieses Gedenken wach und lebendig gehalten werden kann und nicht in einem immer wieder kehrenden Ritus erstarrt. Mir geht es so - vielleicht ja auch Ihnen -, dass das in 2017 anders ist als in den letzten Jahren. Unsere Welt wird anders, rechtes und nationalistisches Gedankengut wird auch in der Politik wieder salonfähig. Wir spüren, dass das Vergessen eine neue Qualität bekommt. Ich weiß es ja nicht, aber vom Gefühl her ist es bereits kurz vor 12, um noch wach zu werden und aufzustehen. Der neuen Qualität des Vergessens muss die Erinnerung und das Gedenken entgegen gestellt werden. Mir geht es so, dass ich an diesem Gedenktag 2017 anders bewegt bin als in früheren Jahren.

Ich nenne die Stichworte, die dieses Gefühl in mir wach rufen:

  • Sorge vor Populismus verbunden mit Fakenews; bewusste Falschmeldungen werden zum politischen Stilmittel in den neuen Medien und im politischen Diskurs.

  • Die große Sorge vor neuem Rechtsextremismus und Fundamentalismus weltweit.

  • Der Anstieg eines ungebremsten Nationalismus weltweit.

  • Eine verschlechterte weltweite Sicherheitslandschaft

  • Die Vereidigung des neuen amerikanischen Präsidenten. Seine Äußerungen zu Atomwaffen und zum Klimawandel, sein Eintreten für Folter und bewusste Menschenrechtsverletzung, wenn es Amerika dient.

Papst Franziskus (zitiert im folgenden nach https://www.domradio.de/themen/papst-franziskus/2017-01-24/papst-franziskus-fordert-schonfrist-fuer-trump) gibt dem vielkritisierten neuen US-Präsidenten Donald Trump trotzdem eine Bewährungschance: "Warten wir ab, was er macht, und danach wird bewertet". Mit Kritik an Populismus hielt sich Franziskus dann allerdings nicht zurück. In Krisenzeiten suchten die Völker oft nach "Rettern", die sie "mit Mauern und Stacheldraht vor anderen Völkern" beschützen. Das sei "sehr schlimm". Als warnendes Beispiel nannte der Papst in diesem Zusammenhang das Naziregime in Deutschland: "Adolf Hitler hat nicht die Macht geklaut. Er wurde von seinem Volk gewählt und danach hat er sein Volk zerstört", sagte der Papst und fügte an: "Darin liegt die Gefahr. Das Urteilsvermögen funktioniert in Krisenzeiten nicht." Franziskus weiter: "Wir erleben zur Zeit einen Dritten Weltkrieg in kleinen Stückchen. Und in jüngster Zeit redet man über einen möglichen Atomkrieg als würde es sich um ein Kartenspiel handeln. Man spielt Karten. Und das bereitet mir die größten Sorgen."

Blttle2Der Gedenktag im Jahr 2017 ist irgendwie anders: Das Vergessen hat eine neue Qualität bekommen. Dem Vergessen wird von bestimmten Kreisen eine neue Qualität gegeben. Das Vergessen soll einen neuen Boden bereiten für eine neue Saat und die Saat, die da schon mitten unter uns gesät wird, bereitet mir mehr als Sorge! Für diese rechtsextreme Saat steht für mich beispielhaft die Rede von Björn Höcke am 17. 1. in Dresden, von der sich der AFD Vorstand distanziert hat. In dieser Rede hatte er über die „dämliche Bewältigungspolitik“ der Deutschen geklagt und eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“ gefordert. Ich zitiere Höcke: "Wir Deutschen ... sind das einzige Volk der Welt, dass sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat. Und anstatt die nachwachsende Generation mit den großen Wohltätern, mit den bekannten, weltbewegenden Philosophen, den Musikern, den genialen Entdeckern und Erfindern in Berührung zu bringen, ... wird Geschichte, die deutsche Geschichte, mies und lächerlich gemacht."

Dazu passt übrigens, dass im Landtag von Baden Württemberg die AFD dafür steht, keine Klassenfahrten und Zuschüsse mehr für NS-Gedenkstätten geben zu wollen. Begründung: Die Partei will Schülern und Migranten ein „positiveres Bild Deutschlands und der deutschen Geschichte“ vermitteln. Hier wird die Distanzierung des Parteivorstandes von Höcke und seiner Dresdener Rede wieder fraglich.

Aber zurück zur Höcke Rede in Dresden: Höcke zitiert in seiner Rede Franz Josef Strauß,

der sich wohl einmal - (habe ich nicht überprüft) - mit der deutschen Vergangenheitsbewältigung als gesamtgesellschaftliche Aufgabe kritisch auseinandergesetzt hat und fügt den Gedanken von Strauß das Wort "dämlich" hinzu. So legitimiert Höcke seine Botschaft von einer "dämlichen Bewältigungspolitik", die ein ganzes Volk lähmt. So wird Vergessen zu einem gefährlichen politischen Programm, das auf neue Gräueltaten hinauslaufen wird.

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer,

wir brauchen keine erinnerungspolitische Wende. Wir brauchen neue Impulse für eine wegweisende Erinnerungskultur, die uns nicht in rechtsextreme Sackgassen führt. In der jüdisch - christlichen Weltsicht führt "das Vergessen" meist ins Elend der alten Knechtschaft. Die Erinnerung aber - auch die Erinnerung an Leiden und Elend - führt in die Freiheit und in eine bessere Zukunft. Erinnerung wird zu einer wegweisenden Kraft, wenn sie lebendig wird. Dazu eine Erfahrung von mir: Im Jahr 2006 war ich mit Studenten in Auschwitz, wir standen still und mit einer gewissen Beklommenheit vor den Öfen dort. Dann kam eine israelische Schulklasse, Jugendliche mit Tränen in den Augen. Plötzlich waren die Öfen für uns nicht mehr nur Vergangenheit, sondern spielten hinein in unsere Gegenwart und rührten uns tief an. Erinnerung, die greifbar wird, die hineinspielt in die Gegenwart, die innerlich anrührt, die so verwandelt und zu einem Handlungsimpuls für die Zukunft wird. Dies ist - in Klammern gesagt - auch der innere Bauplan der Feier des Abendmahls/Eucharistie, die unsere abendländische Kultur tief geprägt hat. Erinnerungskultur gehört zu uns, sie prägt und verwandelt uns und wird so zum Impuls, Zukunft menschlicher zu gestalten. Der Gedenktag 2017 ist durch die politische Großwetterlage anders als sonst und darum brauchen wir wie vielleicht nie zuvor in den letzten Jahren neue Ideen und eine gemeinsame Kraftanstrengung für dieses unser Mönchengladbacher Bündnis: Aufstehen!–Für Menschenwürde–Gegen Rechtsextremismus!

Blttle3Ich zitiere abschließend einen Text von Papst Johannes Paul II, die wie ein feierliches Bekenntnis klingt: "Wir müssen uns an die Shoah erinnern, an den grausamen Plan, ein Volk zu vernichten - einen Plan, dem Millionen von Juden zum Opfer fielen. ... Um Gottes und der Menschen willen erhebe ich noch einmal tief betrübt meine Stimme und rufe: Ein solches verbrecherisches Tun darf sich nie mehr wiederholen, an keiner ethnischen Gruppe, an keinem Volk, an keiner Rasse, nirgendwo auf dieser Welt! Es ist ein Schrei, der allen gilt: allen Menschen guten Willens; allen, die an den Ewigen und Gerechten glauben; allen, die sich in Christus, dem menschgewordenen Wort, verbunden wissen. Wir alle müssen zusammenstehen. Die Würde des Menschen ist es wert. Es gibt nur eine einzige Menschheitsfamilie."

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer,

es gibt nicht die Deutschen und die Flüchtlinge; es gibt nicht die Deutschen und die Muslime; es gibt nicht die Deutschen und die Juden. Es gibt nur eine einzige Menschheitsfamilie. "Amerika first" sollte und darf bei uns in Deutschland keine Schule machen! Denn Deutschland zuerst, Deutschland "über" alles anderem, das hatten wir schon einmal und das brauchen wir nicht noch einmal. "Erinnern" wir uns und stehen wir miteinander auf für ein Deutschland, das das Wohl aller Menschen, der ganzen Menschheitsfamilie im Blick hat und sich weltweit für Frieden, Gerechtigkeit und Menschenwürde einsetzt.

Ansprache Superintendent Dietrich Denker

Denker1Sehr geehrte Damen und Herren,

„Der Schoß ist fruchtbar noch aus dem das kroch“ – mit diesen letzten Satz des brechtschen Theaterstücks „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ hat das Mönchengladbacher Bündnis zur heutige Gedenkveranstaltung eingeladen. Das ist schon etwas provokant formuliert, bringt aber zum Ausdruck welche Sorge uns umtreibt. Allen Gedenktagen zum Trotz besteht immer und immer wieder die Gefahr, dass einmal Erreichtes verloren gehen kann und nicht sicher ist. Weil die Zeiten sich ändern und wir das Denken und Fühlen der Menschen nicht im Griff haben, werden wir immer wieder überrascht, von dem, was alles passieren kann. Was im Privatleben gilt, gilt nun auch im Großen: Trump als Präsident, Großbritannien nicht in der EU..., islamistischer Terror, Ängste vor Wohlstandsverlust und Überfremdung... Irgendwie scheint alles im Umbruch zu sein und unsicher.

I. „Deutsche Zustände“

Zugleich aber, wenn man genau hinsieht, geht es uns in unserem Land sehr gut. Es ist Arbeit da, Wohlstand, gesellschaftliches Engagement. Freiheit.... Und doch sind die „Deutschen Zustände“ im permanenten Wandel. In einer Langzeitstudie mit diesem Titel „Deutsche Zustände“ wird der Zusammenhang zwischen sozialen und ökonomischen Verhältnissen und der Entwicklung von Vorurteilen gegenüber gesellschaftlichen Minderheiten in Deutschland untersucht. Ich möchte jetzt keine Studie referieren, stelle aber fest:

Ein gutes gesellschaftliches Miteinander und ein wohltuendes Klima zwischen den unterschiedlichen Gruppen in unserem Land im Sinne der Werte unseres Grundgesetzes versteht sich nicht von selbst. Vielmehr ist es immer auf vielfältige Weise bedroht.

Es wichtig, dass an Gedenktagen wie dem heutigen, einerseits erinnert wird an das, was geschehen ist, und andererseits darüber nachgedacht wird, was getan werden kann und muss, damit unsere Demokratie, wie wir sie von unseren Gründertagen her kennen, ihr Profil, ihre Werte und ihre Grundlagen behält.

Foto: Superintendent Dietrich DenkerZur Erinnerung:


Roman Herzog hat 1996 diesen nationalen Gedenktag proklamiert und eingeführt. Der 27.1.1945 ist der Tag, an dem die Soldaten der roten Armee die Überlebenden des KZ Auschwitz-Birkenau befreit haben. Dieser Tag sollte und ist zum Gedenktag geworden für alle Opfer während der Zeit des Nationalsozialismus. In seiner Gedenkansprache zu diesem Tag bringt der Bundestagspräsident Norbert Lammert 2008 die Vielzahl der Opfer auf den Punkt, in dem er beschreibt wer alles zu diesen Opfern gehört: „Juden, Christen, Sinti und Roma, Behinderung, Homosexuelle, politisch Andersdenkende sowie Männer und Frauen des Widerstandes, Wissenschaftler, Künstler, Journalisten, Kriegsgefangene und Deserteure, Greise und Kinder an der Front, Zwangsarbeiter und an die Millionen Menschen, die unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft entrechtet, verfolgt, gequält und ermordet wurden.“

Dass ein solches Totalversagen aller Menschlichkeit und der Achtung der Würde des Menschen sich niemals wiederholen, und dass die Opfer nicht vergessen sind, ist der Grund, warum auch wir heute hier zusammengekommen sind.

Roman Herzog sagte 1996:

„Die Erinnerung darf nicht enden; sie muss auch künftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen. Es ist deshalb wichtig, nun eine Form des Erinnerns zu finden, die in die Zukunft wirkt. Sie soll Trauer über Leid und Verlust ausdrücken, dem Gedenken an die Opfer gewidmet sein und jeder Gefahr der Wiederholung entgegenwirken.“

Um der Gefahr der Wiederholung der Schuld und der Fehler in unserer Geschichte entgegen zu wirken, braucht es eine stabile und wehrhafte Demokratie. Die allerdings lebt davon, dass sich die Menschen, sprich das Volk, aktiv an den demokratischen Entscheidungs- und Meinungsbildungsprozessen beteiligen. Dabei müssen auch komplexe Zusammenhänge in den Blick genommen und erklärt werden können. Das braucht sicher Zeit, aber die müssen sich alle, Medien, Politik und Bürger nehmen. Nur wer den gesellschaftlichen Diskurs sucht, hinhört, mitdenkt und nachdenkt, kann von sich sagen. Ich bin auf der Suche nach dem richtigen Weg. Was uns lieb und wert ist, darum gilt es sich auch zu mühen.
Eine Demokratie lebt davon, dass Menschen sich engagieren und einsetzen für Meinungen und Ansichten und um Wählerstimmen für ihre Meinungen und Ansichten werben.

Darin liegt zum einen die Chance und zum anderen auch das Risiko unserer Demokratie. Wenn mit einfachen Parolen und populistischen Schlagwörtern Wählerstimmen gewonnen werden, geht der Diskurs verloren. Nicht einmal die Suche nach der Wahrheit ist dann noch erforderlich. Entscheidend ist nur, dass das, was man sagt, gefällt und eingängig ist. Ob es stimmt ist zweitrangig. Wenn postfaktische Erkenntnisse plötzlich entscheidend sind für Wählerstimmen müssen die Alarmglocken der Demokraten läuten.

Das hatten wir nämlich schon mal:

Aggressiver Antisemitismus, eine radikalen völkische und rassistische Weltanschauung, Verachtung des Parlamentarismus und der politischen Parteien der Weimarer Republik. Eine Wirtschaftskrise, in der „postfaktisch“ die Schuldigen auch schnell gefunden wurden. Nationalisitsche Problemlösungsstrategien, die sich gut verkaufen und bewerben ließen und zwar unabhängig davon, ob das, was gesagt und behauptet wurde, Hand und Fuss hat oder nicht.

Wie schnell ist es auch damals zur Mobilisierung von „Nicht-Wählern“ gekommen. Zugleich gab es auch eine starke Wählerbewegung weg von den etablierten Parteien, weil man denen die Lösung der anstehenden Probleme nicht mehr zutraute. So ist es dazu gekommen, dass Hitler demokratisch gewählt wurde.

Und heute? Die Verachtung des sogenannten „politischen Establishments“, die Lügenpresse, „Merkel muss weg“-Parolen. Eine aggressive Stimmung gegen Menschen islamischen Glaubens und Flüchtlinge sowie Migranten. Ein Flucht- und Migrationsproblem in Europa, die Sorge um unser Hab und Gut und die Werte, die bei uns gelten sollen... Schuldige sind hier auch wieder schnell gefunden. Und schwindendes Vertrauen in die etablierten Parteien, die keine schnellen Antworten parat haben für die komplexen Probleme unserer Zeit, kennen wir auch zur Genüge.

DESHALB: AUFGEPASST!

Mit der Mobilisierung der „Massen“ haben die Pegida-aktivisten und wir bereits Erfahrungen gemacht. Ein Narr, wer meint, die Gefahren von früher seien heute ausgemerzt. „Der Schoss ist fruchtbar noch aus dem das kroch.“ Nun waren die rechtspopulistischen Aufmarschführer unserer Tage hier und da erfolgreicher, als wir es gedacht haben. An vielen Orten waren und sind sie aber auch entsprechend erfolglos, weil die Demokraten in unserem Land wachsam sind und die Wölfe im Schafspelz entlarvt haben. Bündnisse wie unser Mönchengladbach Bündnis und auch MSSQ (Mönchengladbach stellt sich quer) sind da sehr aufmerksam. Dieser offene und deutliche und von allen demokratischen Kräften gemeinsam praktizierte Widerstand ist bitter nötig. Damit schützen wir unsere Demokratie.

Niemand sollte sich dem Gedanken hingeben die „Höckes“ unserer Zeit seien parlamentarisch einzufangen. Es ist ein Trugschluss zu glauben, das, was sie sagen, würden sie nicht tun. Sind sie einmal an der Macht, tun sie, was sie sagen. Meistens halten sie, was sie versprechen. Wer Hitlers „Mein Kampf“ gelesen hatte, konnte wissen, was passiert. Und es war ein Irrtum der Geschichte zu glauben, so schlimm kommt es nicht.

Ganz gleich, in welcher Weise und mit welchen Inhalten Menschen mit radikalen Ansichten unterwegs sind, sie tun meistens das, was sie sagen. Wir sehen es auch daran, wie Trump seine Wahlversprechen einlöst.

Wachsamkeit und das rechtzeitige Aufstehen gegen Unrecht und populistische Welterklärer jeglicher Couleur sind das Gebot der Stunde. Rechte und linke aber auch religiöse Populisten haben das Zeug mit einfachen Parolen Menschen zu verführen. Diese Gefahr zu kennen und dagegen anzugehen und zwar auch mit Demonstrationen und öffentlichen Kundgebungen ist wichtig. Der Chor der Stimmen der Vernunft, der das Lied von der Achtung der Würde des Menschen und der Gleichheit jedes Menschen vor dem Gesetz unabhängig seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen, singt, dieser Chor kann gar nicht laut genug sein.

Unsere Demokratie braucht Menschen, die für sie streiten und sich den komplexen Fragestellungen unserer Tage widmen. Sie braucht Menschen, die es sich antun, diese Zusammenhänge immer wieder zu erklären und dann auch noch die Bereitschaft mitbringen Verantwortung zu übernehmen. Von daher ist der Job, den unsere Mandatsträger und –trägerinnen und Politikerinnen und Politiker der demokratischen Parteien machen, gar nicht hoch genug einzuschätzen. Gut, dass Sie sich hier engagieren für den demokratischen Zusammenhalt in unserem Land auf der Basis unseres Grundgesetzes. Ich hoffe, Sie erhalten in allem Streit um die politischen und gesellschaftlichen Positionierungen je und je auch die ihnen zustehende Wertschätzung.

Und auch das lehrt uns die Geschichte:

Populistischen Quertreiber und Welterklärer sind nur schwer zu bremsen.

Leider ist es so, dass sich politische Minderheiten durch ihre Radikalisierung bedeutungsvoller und einflussreicher machen als sie es wirklich sind.

Auch wenn Vergleiche immer hinken, ich möchte diesen Effekt einmal mit einer Situation vergleichen, die sie alle kennen:

Da hat eine Familie drei Kinder, bei zweien läuft alles prima, da ist aber das dritte Kind, das immer Probleme macht. Das „schwarze Schaf“ in einer Familie gewinnt die meiste Aufmerksamkeit und hat großen Einfluss auf das Gesamtgefüge in der Familie. Man fragt sich: Warum macht unser Kind das? Warum ist es so? Und man überlegt: Was kann ich ändern? Wie kann ich unserem Kind entgegenkommen? Manchmal ist dieses Entgegenkommen falsch. Es ist falsch, wenn dabei Grundprinzipien aufgegeben werden, die für das Zusammenleben und das faire Miteinander in einer Familie eigentlich richtig und wichtig sind. Das Kind lernt, wenn ich nur unbequem genug bin, bekomme ich am Ende, was ich will.

Ja: Verständnis entwickeln für die Ängste der Menschen vor Überfremdung oder Wohlstands- und Werteverlust,
sich fragen, was treibt die Pegida-Aktivisten auf die Straße und Wählerinnen und Wähler zur AfD,
sich fragen, was müssen wir vielleicht auch ändern... –
solche Fragen sind wichtig.

Aber man muss darauf achten, damit nicht denen auf den Leim zu gehen, die zu verstehen man bemüht ist. Am Ende besteht die Gefahr des Verrats an den eigenen Werten und Grundprinzipien.

Die Tatsache, dass sich eine Minderheit in der Gesellschaft medienwirksam mit radikalen Taten und Überzeugungen positioniert, birgt für die etablierten Parteien die Gefahr in sich, dass Meinungen, Gefühle und Behauptungen, die zur Radikalisierung von Menschen beitragen, von ihnen nun selbst, ohne Faktencheck als berechtigt wahrgenommen werden. Schnell werden diese dann auch als Begründungszusammenhang für eigenes Umdenken ins Feld geführt.

II. Demokratie stärken

Wie also kann man dieser Gefahr wehren und unsere Demokratie und das Wertesystem unseres Grundgesetzes schützen?

Drei weiterführende Impulse – es gäbe sicherlich mehr – möchte ich hier kurz aufgreifen. Ich habe sie den „Leitmotiven politischer Bildung“ entnommen, wie sie in der Studie: „Gespaltene Mitte – Feindselige Zustände, Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2016, formuliert werden. (Herausgegeben wurde die Studie für die Friedrich-Ebert-Stiftung von Ralf Melzer. Der Text ist im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.)

1. Anerkennung des zivilgesellschaftlichen Kapitals

Es gibt ein breites gesellschaftliches Bündnis von Menschen, die sich einsetzen und ehrenamtlich mitarbeiten in der Hilfe für Flüchtlinge, Migranten und überhaupt Menschen, die Hilfe benötigen. Es gibt die Vielen, die offen und zugewandt den Menschen begegnen. Hilfsbereit und mit Liebe zum Nächsten. Sie übernehmen Verantwortung dafür, dass die Würde des Menschen, die im Gesetz steht, auch erfahren wird. Sie sorgen dafür, dass Menschen die Erfahrung machen wertgeschätzt zu sein und Hilfe zu finden. Sei es bei Arztbesuchen oder der Wohnungssuche. In Kirchen, Parteien, „care communities“ und Stadtteilen tragen Menschen dazu bei, das Leben von Flüchtlingen und Migranten würdevoll zu gestalten. In der Erwachsenenbildung in unserer Stadt wird schon im Miteinander verschiedener religiöser und kultureller Organisationen in gemeinsamen Projekten viel getan für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft. Es ist ja doch so, dass die Menschen in aller Verschiedenheit eigentlich nur ein gelingendes, gemeinsames und gutes Leben suchen.

Diese Kapital an Herzenswärme und Hilfsbereitschaft und politischer Bildung muss unsere Gesellschaft wertschätzen und fördern. Auch finanziell! Das trägt zum Gelingen und zum Erhalt unserer Demokratie bei.

2. Zivilgesellschaftliche Bildung ermöglichen und für Konflikte fit machen

Zu dieser Bildung gehört es, die Komplexität der Zusammenhänge deutlich zu machen und immer wieder zu erklären. Ein Beispiel:

Die Mütter und Väter unseres Grundgesetztes haben gewusst, was sie taten und warum sie z.B. in Artikel 3 formulierten:

Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.“ (3) „Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden.

Das heißt dann: Auch das Recht auf freie Persönlichkeitsentfaltung, Meinungsäußerung und Religionsausübung... oder der Schutz der Familie und die Unverletzlichkeit der Wohnung gilt für alle Menschen gleich.

Nun haben sich seit 1949 die Zeiten gewandelt. Wir stehen vor der Situation, dass es nicht wenige Menschen in unserem Land gibt, die sagen, diese Rechte des Grundgesetzes sollen nicht für alle Menschen gelten. Wir müssen sie begrenzen auf die Menschen in unserem Land. Und wir müssen darauf achten, dass nicht so viele in unser Land kommen, denen wir dann diese Rechte zuerkennen müssten, sonst würden wir sie auf diesem Wege selbst verlieren.

Und schon ist ein Dilemma aufgezeigt: Was ist denn nun? Sind Menschenrechte teilbar und mit welchem Recht entscheiden wir, wem wir sie zuerkennen und wem nicht? Wir alle wissen, dass wir durch die Entscheidung, die Menschen in den Flüchtlingslagern der Türkei oder in Syrien oder Marokko oder anderswo in Nordafrika außerhalb unserer Grenzen und der EU auf Abstand von uns zu halten, daran mitwirken, dass Frauen und Kinder, Väter und Mütter in menschenunwürdigen Zuständen leben müssen. Und selbst an den Fluchtursachen sind wir bei genauerer Betrachtung alles andere als unschuldig. Hier gibt es keine einfachen Antworten, wenn wir die uns selbst verordneten Werte unseres Grundgesetzes ernstnehmen wollen.

Es bedarf politischer Bildung um hier für die Kontextualität unseres Handelns zu sensibilisieren. Wer die Zusammenhänge kennt, geht den einfachen Parolen nicht mehr auf den Leim. Und die in diesem gesellschaftlichen Kontext entstehenden Konflikte und Meinungsverschiedenheiten müssen eben auch ernstgenommen werden. Von daher, braucht es eine konfliktfähige Gesellschaft, die auch im Diskurs zusammenhält. Das alles müssen wir lernen und lehren! Deshalb ist die Bildungsarbeit so wichtig!

Denker33. Eine Kultur der Gleichwertigkeit schaffen

auch hier ein Beispiel:

Im Zug von Rheydt nach Köln sitzt ein 16 jähriger Jugendlicher. Die Mutter ist Deutsche, der Vater Marokkaner. Die Abstammung vom Vater sieht man ihm an. Der Zug füllt sich von Station zu Station. Es sind immer weniger Plätze frei. Und viele stehen schon im Gang. Nur der Platz neben diesem Jugendlichen bleibt frei. Erst nach einer langen Weile, nimmt eine Seniorin dort Platz, weil das Stehen doch schwer fällt. Was geht wohl im Kopf des 16-jährigen um? Weil ich so aussehe werde ich gemieden? Die Menschen haben Angst vor mir..? Das war vor zwei Jahren noch nicht so? – Ich weiß, dass es ihm sehr schwer geworden ist zu sehen, dass niemand neben ihm sitzen möchte.

Mit wem und wo wird er über seine Erfahrungen reden? Interessiert sich überhaupt jemand für ihn und das, was er fühlt? Gibt es eine Kultur der Gleichwertigkeit, in der wir das Zusammenleben der verschiedenen Menschen in unserem Land mit all ihren Vorstellungen, Lebenserfahrungen und eigenen kulturellen oder religiösen Hintergründen einüben und einander auf Augenhöhe begegnen?

„Der Kulturbegriff erscheint vielleicht auf den ersten Blick sperrig, aber er bietet eine Brücke zwischen Institutionen, Werten, Normen und Einzelinteressen von Gruppen“ so formuliert es Andreas Zick in der genannten Studie auf S.216.

Wo uns diese Kultur der Gleichwertigkeit gelingt, stärken wir unsere demokratischen Grundwerte. Wo sie uns misslingt, werden Überfremdungsängste geschürt. Wenn Demokratie funktionieren soll, muss es eine Kultur der Gleichwertigkeit auch in der Beteiligung an politischen Prozessen bis hin zu Wahlrechtsfragen geben. Auch hier kommt es darauf an, Erfahrungsräume gemeinsamen Lebens zu schaffen.

Sehr geehrte Damen und Herren, Sie merken es gibt viel, dass wir tun können. Aus der Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus und dem erklärten Willen jeder Wiederholung solcher Schuld entgegen zu wirken, erwächst in uns die Erkenntnis: Wir sind es, die heute in der Verantwortung für unsere Demokratie und unsere Werte stehen. Aus dieser Verantwortung können wir uns nicht herausstehlen. Wir sind es unserem Land und den Menschen und unseren Werten schuldig, mitzuwirken und mitzubauen an einer gelebten Demokratie, die sich den Herausforderungen unserer Zeit wehrhaft zu stellen vermag. Lassen Sie uns das auch im Wahljahr 2017 gemeinsam tun.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit

Alle Fotos: Torben Schulz

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